Ein Brief von der Autorin
Vorwort
Meine Geschichte
Es gibt einen Moment, den viele von uns kennen. Den Moment, in dem jemand in dein Leben tritt und alles auf einmal heller macht – als würdest du endlich jemanden treffen, der dich versteht, ohne dass du alles erklären müsstest. Einen Moment, der sich anfühlt wie Heimkommen. Ich nannte meinen solchen Moment meine große Liebe. Heute weiß ich, dass er meine härteste Lehrerin war.
Fünf Jahre. Fünf Jahre voller Nähe und Rückzug, voller Versprechen und Funkstille, voller Momente, in denen ich dachte: Jetzt. Vielleicht jetzt. Fünf Jahre, in denen ich mich immer kleiner gemacht habe, in der Hoffnung, dass es endlich passt. Fünf Jahre, die mich zwei Klinikaufenthalte, meinen Selbstwert, meine Stabilität – und beinahe meinen Sohn – gekostet haben.
Sie – ich nenne sie in diesem Programm Sandra – war eine Meisterin der Ambivalenz. Auf intensive Liebesschwüre folgte schleichender Rückzug, kaum wahrnehmbar. Dennoch reagierte mein Nervensystem nicht zuletzt mit handfesten Panikattacken auf ihr „zu Nebel werden" wie ich es immer nannte. Auf gemeinsame Momente voller Zärtlichkeit folgten Tage des Ausweichens und Auflegen beim ersten Widerspruch.
Was ich damals nicht verstand: Mein Gehirn war in diesem Muster buchstäblich süchtig geworden. Nicht nach ihr als Mensch, sondern nach dem biochemischen Auf und Ab, das diese Beziehung erzeugte. Das Nervensystem nennt Schmerz irgendwann Vertrautheit. Und was vertraut ist, verlässt man nicht einfach.
Der Bruch kündigte sich zwar mit einer längeren Ghostingphase an, doch bei so vielen On und Offs traf es mich auch da ohne Vorwarnung. Eine Blockade und schließlich Schweigen monatelang, diesmal endgültig. Denn dieses Mal griff ich nicht nach und behielt meine Würde und lies sie vollständig zu Nebel werden …
Und ich stand da – mit all dem Schmerz, der Scham und der vollkommenen Verwirrung – ohne ein einziges Werkzeug, um das zu verarbeiten, was in mir zerbrochen war. Was folgte, waren die dunkelsten Monate meines Lebens: Ein Jugendamtbesuch, ein Klinikaufenthalt, das Gefühl, mein Kind und mich selbst gleichzeitig zu verlieren.
Warum dieses Programm entstanden ist
Was ich in den Jahren danach suchte, gab es schlicht nicht. Keine Ressource, die sowohl die Neurobiologie des Trauma-Bondings erklärte als auch die besonderen Dynamiken lesbischer und queerer Beziehungen berücksichtigte. Kein Programm, das mich mit den konkreten Werkzeugen ausstattete, die ich in den Nächten brauchte, wenn das Craving nach Kontakt unerträglich wurde. Keinen Raum, der gleichzeitig wissenschaftlich fundiert und tief menschlich war.
Also habe ich es selbst geschrieben.
UNBOND – Breaking Chains ist das Ergebnis von Jahren der Recherche, der Therapie, des Lernens und des langsamen, manchmal quälend langsamen Heilens. Es basiert auf evidenzbasierten Ansätzen aus der kognitiven Verhaltenstherapie, der Dialektisch-Behavioralen Therapie, der Akzeptanz- und Commitment-Therapie sowie der Polyvagal-Theorie. Vor allem aber basiert es auf echter Erfahrung – meiner eigenen und der Erfahrungen vieler Frauen, die mir ihre Geschichte anvertraut haben.
An dich, die dieses Programm liest
Vielleicht bist du gerade mitten in den Trümmern. Vielleicht bist du seit drei Uhr morgens wach und hast ihr Profil zum hundertsten Mal aufgerufen. Vielleicht bist du noch in der Beziehung und weißt nicht, wie du herauskommst. Oder du hast die Trennung schon hinter dir, aber dein Herz hat sich noch nicht losgelöst – und du verstehst nicht, warum.
Was auch immer dich hierher gebracht hat: Du bist richtig. Dieser Raum ist für dich.
Dieses Programm ist kein Versprechen der schnellen Heilung. Es gibt keinen 5-Tage-Plan, der fünf Jahre überschreibt. Aber es gibt dir Orientierung, wenn alles verschwommen ist. Es gibt dir Sprache für das, was du erlebt hast. Und es gibt dir, Schritt für Schritt, die Werkzeuge zurück, die dir gehören.
„157.680.000 Sekunden aus der Zukunft schreibe ich dir – als dein älteres Ich, das alles überstanden hat. Zeit heilt nicht alle Wunden, schon gar nicht jene, die aus verdrehten Wahrheiten und monatelangem Schweigen entstanden sind. Aber sie vergeht. Und du wirst an diesen Narben wachsen."
Ich wünsche dir, was ich mir damals gewünscht hätte: einen Ort, an dem du wirklich gesehen wirst. Vollständig.
— Milena
Im Anschluss · Ein Gedicht
„Liebe fragt nicht nach der Uhr"
Das Gedicht entstand im Mai 2024 – als Versuch, das Unbegreifliche in Sprache zu fassen. Zwei Schatten auf einem Weg, der nirgendwo hinführt. Es ist Marys Geschichte. Und vielleicht auch deine.
Tippe auf den Brief, um ihn in voller Größe zu lesen.
— Unbekannter Autor, Mai 2024